Dem Christlichen Leser wünscht Philippus Melanthon1509 erhielt der junge Philipp Schwartzerdt von seinem Lehrer Johann Reuchlin den gräzisierten Humanistennamen Melanchthon, ab 1531 gebrauchte er die vereinfachte, auch von ihm selbst leichter aussprechbare Form Melanthon. Vgl. Heinz Scheible, Art. Melanchthon, in: RGG4 5 (2002), 1002–1012. Gottes gnad
durch Jhesum ChristumVgl. Röm 1,7; I Kor 1,2; II Kor 1,2. vnsern einigen Mittler vnd Heiland.
Ich habe seer gerne vernomen, das bey vielen rechten Kirchen, darinne durch Gottes gnade one zweifel viel Predicanten vnd andere Personen warhafftige gliedmas ChristiVgl. Röm 12,5; I Kor 6,15; 12,27. sind, gesuchtbeabsichtigt, geplant. Vgl. Art. suchen 5.a), in: DWb 20, 846f. wird, das sie jhr bedenckenGutachten. von Osiandri
BuchOsianders Schrift Von dem einigen Mittler: OGA 10, Nr. 488/496, S.49–300. anzeigen woͤllen. Denn dieweil ich in sonderheitspeziell. von jmihm. mit namen vnd hessiglichvoll Feindschaft. Vgl. Art. hässiglich 1), in: DWb 10, 552. angriffen bin,Osiander griff Melanchthon wegen dessen Überarbeitung der Loci zwischen 1521 und 1535 an (OGA 10, Nr. 488, S. 276,13–278,25). Denn in der Fassung des Jahres 1535 hatte Melanchthon seine Rechtfertigungskre neu formuliert und Hinweise zur effektiven Gerechtigkeit getilgt (vgl. dazu OGA 10, Nr. 488/496, S. 63, mit Anm. 102). Osiander erhob darum den Vorwurf, dass die Wittenberger von Luthers Lehre abgefallen seien, während er, Osiander, sie weiterhin bewahre. Er behauptete, dass wenn Luther noch leben würde, die Wittenberger ihn, Osiander, und seine Lehre von der Rechtfertigung nicht attackiert hätten (OGA 10, Nr. 488, S. 280,7–282,3). Darum verglich Osiander Melanchthon mit dem Verräter Judas (OGA 10, Nr. 488, S. 158,17– 160,10). ist mir lieb, das andere, christliche verstendige Menner gleich als richter sind,ebenfalls Richter sind. wie ich allezeit mich vnd alle meine schrifften den warhafftigen Kirchen diser Landen vnd Stedten, da reine lehre des Euangelij geprediget wird, vnterworffen habe vnd noch also wil vnter
worffen sein; habe derwegen biss anher stille gehalten vnd Gott gebeten, vnd bitte noch teglich, er woͤlle vmb seiner ehr willen seine warheit erkleren vnd erhalten,bewahren. Vgl. Art. erhalten 3), in: DWb 3, 835. das wir jn recht anruffenanbeten. vnd preisen, vnd woͤlle jm vnter vns, für vnd für,immerfort, fortwährend. Vgl. Art. für II.5.b.α), in: DWb 4, 651f. gnediglich eine ewige Kirche samlen.
Nach dem ich aber nu befelhden Auftrag. Vgl. Art. Befehl 1), in: DWb 1, 1252. habe, Zu Beginn des Jahres 1552 wollte man eine offizielle Antwort auf Osianders Bekenntnis Von dem einigen Mittler geben. Die Äußerung Melanchthons hier deutet darauf hin, dass er das Gutachten, welches er für Ambrosius Moibanus (Breslau) über Osianders Lehre verfasst hatte, vor diesem Hintergrund umarbeitete, bevor er sich auf die Reise zum Konzil von Trient begab. Vgl. oben die Einleitung, S. 208. auch dazu zu reden,mich dazu zu äußern. vnd von vielen
hohen vnd andern Personen angesuchtgebeten. Vgl. Art. ansuchen, in: DWb 1, 494f. würde,Die Königsberger Theologen und mit ihnen Georg Sabinus, der Schwiegersohn Melanchthons und langjährige Rektor der Universität Königsberg, hatten bereits vor der Veröffentlichung von Osianders Bekenntnis um eine Stellungnahme Melanchthons zu dessen Rechtfertigungslehre gebeten. Vgl. Georg Sabinus an Philipp Melanchthon. 10. März 1551, in: MBW.T 21, Nr. 6015, S. 94–96; Georg von Venediger an Philipp Melanchthon. 15. Juli 1551, in: ebd., Nr. 6133, S. 249–251. Nach der Veröffentlichung von Osianders Bekenntnis wandten sich an Melanchthon: Erhard Schnepf an Philipp Melanchthon. 4. November 1551, in: ebd., Nr. 6253, S. 407–409; Johannes Aepin an Philipp Melanchton. 10. Dezember 1551, in: ebd., Nr. 6275, S. 440–442; Markgraf Johann von Brandenburg-Küstrin an Philipp Melanchthon. 31. Dezember 1551, in: ebd., Nr. 6288, S. 454f. habe ich dieses klare vnd einfeltigeschlichte. Vgl. Art. einfältig 2), in: DWb 3, 173f. bedencken nicht lang vnd nicht zenckisch gestellet,verfasst. sondern zur anleittung vieler, die durch diesen streit in dieser hochwichtigen sache in grosse betrübnis vnd zweifel komen, das sie mercken, wo von der streit sey vnd was jnen zu jrer Seelen trost noͤttig sey.
Vnd sprich aber mal, das mein gemüt nie gewesen ist, in meinen schrifften, vnd sonderlich in diesem hochwichtigen Artikel,von der Rechtfertigung. anders zu leren, denn des Ernwirdigen Herrn Doctoris Martini Lutheri meinung vnd der gemeine verstand bey den verstendigen in disen Kirchen ist; habe auch nicht zweifel, diese lere ist die einige,einzige. warhafftige lere durch den Son Gottes geoffenbaret
vnd in der Propheten vnd Aposteln schrifften ausgedruckt.
Das aber Osiandri mich mit hochbeschwerlichen reden schmehet, daran er mir vnrecht thut, das wil ich Gott befehlen, der aller Menschen hertzen sihetVgl. I Sam 16,7; Spr 24,12. vnd richter ist. Jch habe jhn allezeit geliebet vnd geehret, wie meniglichjedermann. weiss, vnd wundert mich, wo von diese grosse bitterkeitZorn, Ärger. Vgl. Art. Bitterkeit, in: DWb 2, 56. her
fleusset. Jch bin zu disen grossen sachen wider meinen willen gezogenhinzu gezogen. worden vnd erkenne mich viel zu gering; habe also die zeit, da viel vngereumpterwidersprüchlicher, gegensätzlicher. Vgl. Art. reimen 3.c), in: DWb 14, 673. opiniones jrre geloffen,nicht zusammenpassten. fleis gethan, die summa rechter vnd noͤttiger lere zusamen zu zihenzusammen zu stellen. vnd, so viel mir müglich gewesen, eigentlichdas Wesentliche. dauon zu reden; das habe ich trewlich gemeint, der armen jugent
zu gute, vnd weiss wol, das alle meine schrifften viel zu gering vnd zu schwach sind, darumb ich sie auch vnserer Kirchen vrteil allezeit vnterworffen, vnd were dauon viel zu reden, das ich jetzund vnterlassen wil, vnd wil im namen Gottes von disem streit reden.
S. Paulus spricht Rom. 5, die Gnade Gottes vnd die Gabe durch die liebe
gegen einem Menschen, Jhesu Christo, ist gegen vielen mechtiger gewesen, denn die Sünd.Vgl. Röm 5,15–18. Hie fassetbegreift. versteht. Vgl. Art. fassen B.13), in: DWb 13, 1346. S. Paulus zwey ding: Die Gnade, das ist, gnedige vergebung der sünden vnd annemung vnser Person bey Gott. Vnd zugleich wird mit gegeben die Gabe, das ist, die goͤttliche gegenwertigkeit in vns, dadurch wir vernewet werden vnd fülen trost vnd anfang des Ewigen le
bens.
Vnd diese beide haben wir durch das verdienst Jhesu Christi, wie dieser Text offentlichdeutlich, allgemein verständlich. Vgl. Art. öffentlich 1), in: DWb 13, 1180. saget, das wir solchs haben von wegen der liebe, die der ewige Vater zu diesem Son hatt, welchen S. Paulus hie nennet den Menschen Jhesum Christum,Vgl. Röm 5,15. vnd wird solches nicht durch vnsere werck verdie
net, sondern allein durch glauben an den Herrn Jhesum Christum erlanget, welcher glaube in vns in rechter bekerung angezundet wird, so wir das Euangelium hoͤren, damitwodurch. der HErr Christus selbs wircket. Denn Gott wird durch sein ewiges Wort vnd den heiligen Geist geoffenbaret. Vnd dieser glaube mus für vnd für beides annemen vnd behalten, Gratiam et Donum,
vmb des mitlers Christi willen, auch wenn gleich die widergeburt angefangen ist.
Gleich also redet Johannes auch: Die gnade vnd die warheit ist worden durch den Herrn Jhesum Christum.Vgl. Joh 1,17. Gnade heisset gewislich gnedige vergebung der sünden vnd gnedige annemung der person one vnser verdinst
vmb Jhesu Christi willen. Aber warheit heisset hernach die Goͤttliche gegenwertigkeit, ewiges leben, ewige herrligkeit, seligkeit vnd freude in vns, als wolt er sprechen das Euangelium bringet nicht schatenSchatten = Nichtigkeiten. Vgl. Art. Schatten II.1.g), in: DWb 14, 2235. Vmtl. jedoch gemeint: schaden, vgl. Anm. a.schaden: B. vnd sterbliche gaben, sondern warhafftige, vnuergengliche güter. Vnd dieses mus mit glauben angenomen werden, wie zuuor gesagt ist, vnd vertrawet dieser glau
be für vnd für auff den gantzen Herrn Christum, Gott vnd Menschen, wie auch derselbige HErr Christus Gott vnd mensch, Mitler vnd Erloͤser, ist nach beiden Naturen.Zur Zwei-Naturen-Lehre in der Christologie vgl. John Macquarrie, Art. Jesus Christus VII. Dogmatisch, in: TRE 17 (1988), 42–64. Zum christologischen Problemstellung im Streit um Osianders Rechtfertigungslehre vgl. zudem Mahlmann, Das neue Dogma, 93–124. Denn ob gleich allein die menschlich Natur wunden vnd leiden gefühlet hat, so ist doch der gantze Christus Mittler vnd Erloͤser. Denn dieses leiden were nicht die bezalung gewesen, wenn der Erloͤser
nicht zu gleich auch Gott were. Auch sol dieser Mittler leben vnd seligkeit wider geben vnd der Schlangen den kopff zu tredten,zertreten. Vgl. Gen 3,15. darumb ist er auch Gott etc.
Also bekennen wir klar vnd haben dises allezeit geleret, wie alle Kirchen zeugen moͤgen, das warwahr. ist, das in vns verenderung geschehen müsse vnd
das gewisslich Gott Vatter, Son vnd heiliger Geist den trost vnd leben in der bekerung in vns wircken vnd also in vns sind vnd wonen, so das Euangelium mit glauben angenomen wird, dadurch das Ewige Wort, der Son Got-tes,Vgl. Joh 1,14. wircket vnd jmihm. eine Kirchen samlet, als da erstlich der Son Gottes das Euangelium im Paradis eroͤffnet hatt, vnd gesprochen, des
Weibes same wird der Schlangen den kopff zutretten,zertreten. Vgl. Gen 3,15. hat er zu gleich in Adams vnd Heua hertzen trost vnd leben gewirckt vnd den Vater jnen geoffenbaret, wie Johannes spricht: Der Son, der in des Vatters schos ist, der hat es ausgesprochen.Vgl. Joh 1,18 – Heua = Eva. Jtem: In jm war das Leben, vnd das leben war das liecht der menschen.Joh 1,4. Also für vnd für samlet dieser Son Jhesus
Christus eine ewige kirchen, erheltbewahr, beschützt. Vgl. Art. erhalten 3), in: DWb 3, 835. das Predig ampt vnd wircket dadurch, vnd gibet den Heiligen Geist, der trost, anrufffung vnd stercke bringet, wie j. Joh. iiij. geschriben ist: Dabey erkennen wir, das wir in jm bleiben vnd er in vns, denn er gibet vns von seinem Geist.Vgl. I Joh 4,13. Jtem Psal. 18: Soli posuit tabernaculum in eis.Vgl. Ps 18,6 (Vg). Er ist die Sonne in seiner Kirchen vnd gibet licht vnd
leben allen, die in rechter bekerung zuflucht zu jm haben mit glauben. Jtem Ephe. iij: Das Christus durch den glauben in ewern hertzen wone.Vgl. Eph 3,17. Jtem: Er ist warhafftig Emmanuel, das ist: Gott mit vns.Vgl. Jes 7,14; Mt 1,23. Von dieser gegenwertigkeit saget Osiander, dauon zwischen vns kein streit ist,Andreas Osiander, Von dem einigen Mittler (1551), in: OGA 10, Nr. 488, S. 266,1–6: Nun bekennen meine widersacher, muͤssens auch on iren danck bekennen, das Cristus, warer Gott und mensch, durch den glauben in uns wone – Gott gebe, das es ir ernst sey! Das aber etliche schreien, es hab mirs niemand je widersprochen, das wissen vil frommer leute vil anderst. Auch was des Philippi schrifft, der etliche alhie warnet, sie sollen nicht widerfechten, das Gott in uns wone, fur anzeigung und zeugnus gibt, werden verstendige leut wol wissen zu urteilen. vnd beschweretattackiert, beleidigt. Vgl. Art. beschweren 3), in: DWb 1, 1603f. vnsere Kirchen gleich,gleichwohl, dennoch. als reden sie nichts von der
gegenwertigkeit Gottes in vns,Vgl. Anm. 7. daran er vns offentlich vnrecht thut.
Wie wol nu war ist, das Gott in den bekerten wonet, wie Joh. xiiij. geschrieben ist: Veniemus ad eum, et mansionem apud eum faciemus,Vgl. Joh 14,23 (Vg). vnd das Ewige leben – welches der Herr Christus wircket, wie er spricht: Jch gebe jnen ewiges lebenVgl. Joh 10,28. – in disem jetzigen leben anfahen mus, so ist dennoch
vnterscheid zwischen den heiligen nach der aufferstehung vnd heiligen in diesem jetzigen leben, dauon S. Paulus redet Gal. v: Durch den Geist aus glauben warten wir auff die hoffnung der gerechtigkeit.Vgl. Gal 5,5. Die gerechtigkeit, die wir noch hoffen vnd darauff wir warten, ist nicht vergebung der sünden, sondern ist, das Gott alles in alles sein wird,Vgl. I Kor 15,28. vnd wie j. Joh. iij. geschrieben
ist: Wir werden jm gleichfoͤrmig sein.Vgl. I Joh 3,2. Aber in diesem jetzigen leben, ob gleich Gott in den heiligen wonet, so ist dennoch vnser aller natur noch vol grosser vnreinigkeit vnd suntlichersündhafter. gebrechenSchulden, Fehler. Vgl. Art. Gebrechen III.4.b), in: DWb 4, 1849. vnd neigungen, wie der Psalm spricht: Vor dir ist kein lebendiger gerecht.Vgl. Ps 143,2. Hie müssen nu auch die heiligen trost ha-ben vnd wissen, wie sie vergebung der sünden
vnd gnade haben, das ist: wie sie Gott gefellig sind.
Diesen ist diser trost fürgestelt, das sie auch nach der widergeburt, für vnd für, vergebung der sünden vnd gnade empfahen vnd behalten vmb des Mittlers Jhesu Christi willen durch verdienst seines gehorsams, darin er ein Opfer fur vns worden ist, von welchem gehorsam dise wort reden im xl. Psalm:
Jm Buch ist geschrieben von mir: Deinen willen, mein Gott, thue ich gern.Vgl. Ps 40,8f. Vnd gehoͤrt dieser heubtspruch, Rom. iij, auff alle menschen in der bekerung vnd hernach: Wir werden gerecht one vnsere verdienst vmb seiner gnaden willen durch die erloͤsung, die do ist durch Christum Jhesum, welchen Gott zum versüner fürgestellet hat durch glauben in seinem blut.Vgl. Röm 3,24f.
Nu ist offentlich, das der Text hie redet vom gehorsam vnd verdienst Christi in menschlicher natur, wie auch das wort bezalung ἀπολύτρωσις hie stehet, das offt erholetwiederholt. Vgl. Art. erholen 1), in: DWb 3, 853. wird.Vgl. Röm 3,24; I Kor 1,30; Eph 1,7. Vnd kan in wort wir werden gerecht nicht allein dieser verstand sein: wir werden gerecht durch die wesentliche gerechtigkeit des Vaters, Sons vnd heilgen Geists, sondern: wir müssen
vergebung der sünd vnd gnad mit fassenverstehen. vnd den verdienst des Sons, der da ist zum Erloͤser gestalt,bestimmt. Vgl. Art. stellen IV.3), in: DWb 15, 2255. vnterscheiden vom Vater vnd heiligen Geist. Vnd dieweil etliche auch von diser rede merito Christi disputirn vnd sagen, es sey nicht in der Schrifft,Vgl. dazu Andreas Osiander, Von dem einigen Mittler, G 2v–G 3r, M 3v–M 4r, in: OGA 10, Nr. 488, S. 150, 196. Vgl. zudem Anm. 69. darauff gebe ich antwort, das viel ein stercker wort in der schrifft offt erholet wirt λύτρον, ἀντίλυτρον, ἀπολύτρωσις,Vgl. Mt 20,28, I Tim 2,6; Röm 3,24, I Kor 1,30; Eph 1,7. welches
eigentlich heisset: eine bezalung, da man etwas gibet zu jemands erloͤsung. Vnd die Ehre Christi zu verstehen, mus man beides wissen, seinen verdienst vnd seine wirckung. Er ist seligmacher merito et communicatione sui.
Vom verdienst reden diese sprüche offentlich.
Rom. v: Wir sind gerecht worden durch sein blut.Vgl. Röm 5,9. Jtem: Durch eines gehorsam werden viel gerecht.Vgl. Röm 5,19. Wiewol nu Osiander diesen vnd der gleichen sprüch viel anders deutet, nemlich: durch eines gehorsam, das macht er, durch die Gottheit, die jn hat gehorsam gemacht, werden andere auch gehorsam,Vgl. zur Auslegung dieser Passage aus dem Römerbrief durch Osiander z. B. Andreas Osiander, Von dem einigen Mittler (1551), in: OGA 10, Nr. 488, S, 248,24–250,19. so ist doch offentlich, das hie vom verdienst geredt ist; vnd mag
ein jeder verstendiger selbst bedencken, so diese frembde deutung recht were, hette Paulus nichts von der menscheit Christi geredt, so er austrucklich spricht: durch gehorsam eines menschen.
j. Joh. j: Das blut Jhesu Christi reinigt vns von allen sünden.Vgl. I Joh 1,7.
Ebr. x: Wir sind geheiliget durch das Opfer des leibs Jhesu Christi auff ein
mal.ein für allemal.Vgl. Hebr 10,10.
Esa. liij: Durch seine wunden sind wir geheilet.Jes 53,5.
Welches alles muss also verstanden werden, das wir vergebung der sünden haben vnd angenem sind vor Gott durch den verdienst Christi, so wir mit warhafftigem glauben den Herrn Christum annemen vnd gleuben, das vns
Gott vmb dieses Mittlers willen sünd vergeben vnd gnedig sein woͤlle. Vnd ist zu gleich war,wahr. das als denn Gott in vns wohnet, so wir durch diesen trost aus rechter angst erreterrettet. werden.
Diese leer vnd dieser trost, wie die heiligen auch nach der widergepurt klagen vber die vorigen sünd vnd angeborne vnreinigkeit vnd trost su
chen an dem mittler durch glauben, ist von anfang, für vnd für, durch die Propheten geprediget in allen sprüchen, darinne sie zuflucht zur Barmhertzigkeit leren. Denn die Barmhertzigkeit ist verheissen vmb des Mittlers willen vnd von wegen seiner verdienst, vnd vertrawen also die Propheten auff den versüner, Gott vnd samen Abrahe.Abrahams. Also spricht Daniel: Erhoͤre vns
nicht von wegen vnser gerechtigkeit, sondern durch deine grosse barmhertzigkeitVgl. Dan 9,18. vmb des Herrn willen. Jtem: selig sind die, welchen die sünd gedeckt sind.Vgl. Ps 32,1f; Röm 4,7.
Nu spricht Osiander offt also: Jch heisse gerechtigkeit dieses, das vns macht recht thun.Vgl. z. B.: Andreas Osiander, Von dem einigen Mittler (1551), H 2v in: OGA 10, Nr. 488, S. 160,23f: Gerechtigkeit ist eben das, das den gerechten, recht zu thun, bewegt und on das er weder gerecht sein, noch recht thun kann. Andreas Osiander, Von dem einigen Mittler (1551), H 4r, T 1v, in: ebd., 164,18–22; 246,28–30: Noch eins ist not zu wissen, nemlich das das woͤrtlein gerechtigkeit zuzeiten gepraucht wirt fur die werck und frucht der gerechtigkeit, so doch die gerechtigkeit kein werck, kein thun, kein leiden ist noch sein kan, sonder sie ist die art, die denjenigen, der sie bekuͤmpt und hat, gerecht macht und, recht thun und zu leiden, bewegt (). Jn diesen worten ist nichts geredt von vergebung der sünden.
Dagegen sagen wir also: Wir nennen gerechtigkeit den Herrn Christum, dadurch wir haben vergebung der sünden vnd einen gnedigen Gott vnd dazu in vns Goͤttliche gegenwertigkeit, welches alles S. Paulus fasset in seinem heubtspruch, Rom. iij: Iustificamur gratis per gratiam Christi, quem posuit propiciatorem fide per sanguinem etc.Vgl. Röm 3,24f. Vnd Esa. liij: Vnd mein knecht,
der gerechte, wird durch seine erkentnus viel gerecht machen.Vgl. Jes 53,11. Hie fasset er one zweifel beides, gratiam et donum, wie droben gesaget ist.
Vnd betrachte ein jeder den grossen ernst vnd die angst selb. So jemand im todt ist vnd Gottes zorn fület, dieser ist zum HErrn Christo zu weisen, der für vnd für, auch nach der widergepurt, Mittler, hoher Priester vnd furbitter blei
bet, vnnd ist das umbraculum,Schatten. Vgl. Jes 1,8 (Vg); 25,4 (Vg). darunder wir Gnad vnd trost finden. Also leret vns der Herr selb, da ehr spricht: Kommet zu mir alle, die jr in engsten seit.Vgl. Mt 11,28.
Also leren vns beten alle Propheten. Dauid schreiet: Domine ne in furore tuo arguas me. Saluum me fac propter misericordiam.Vgl. Ps 6,2.5 (Vg). Vnd wiewol auch
die zeitzu der Zeit, als er dies schreibt. Gott in jm ist, so leuchtet doch die Goͤttliche freud nicht allezeit gleich, da er verjagt wird vnd fület Gottes zorn, wieder seine vorige sünd vnd die jetzige ergernus, da Absolon die auffrhur erreget hatt vnnd schendet jhm seine frawen,Vgl. II Sam 15–18. deren one zweifel ettliche heilige Personen waren etc. Bedarff er trost durch den verheissen Heyland, daherdorthin, zu ihm. mus sich das hertz
wenden.
Also wir alle in teglichem Gebet, so wir anfahen zu betten, müssen wir den Mittler Jhesum Christum, Gott vnd Mensch, ansehen vnd vns gleichsozusagen. als in seine wunden legen vnd diesen warhafftigen trost fassen: Wir haben vergebung der sünden vnd werden erhoͤrt vmb dieses Mittlers willen. Vnd
wiewol als denn in solchem trost Gott in vns ist vnd wirckt, wie der spruch auch sagt: Spiritus interpellat pro nobis gemitibus inenarrabilibus,Vgl. Röm 8,26 (Vg). so ist dennoch der glawbe gegründet auff den Herrn Christum, Gott vnd Menschen, vnnd vff seinen verdienst vnd fürbitte; wie der spruch sagt: Was jhr den Vatter bittet in meinem Namen, das wird er euch geben.Vgl. Joh 16,23. Also leren
vns beten der Herr Christus selbs vnd die Propheten.
Was nu folget, so man diesen Trost aus den augen thuetaus den Augen verliert. vnd weiset dich zur wesentlichen gerechtigkeit in dir, das woͤlle ein jeder selbs betrachten. Diese reden: Gerechtigkeit ist dieses, das vns macht, recht thun vnd Nouitate sumus iusti, sind reden, die nicht fern von einander sind vnd ist ein
wechsel causae et effectus.
Das aber Osiander sagt, diese leer mache sichere leute, so man spricht, wir sind gerecht,Andreas Osiander, Von dem einigen Mittler (1551), in: OGA 10, Nr. 488, S. 82,15–21: Aber damit man sie dannoch auch fur christen halt, sehen sie gern, das man ein solche lehr predige, unter der sie sich auch fur gute christen moͤgen dargeben und verkauffen, und hoͤren derhalben gern, wan die heuchler predigen, unser gerechtigkeit sey nichts anders, dan das uns Gott fur gerecht halt, ob wir gleich boͤse buben seien, und das unser gerechtigkeit ausserhalb unser und nicht in uns sey. Dan bey diser lehr koͤnnen sie auch wol fur heilige leut gehalten werden. das ist: Gott angeneme allein vmb des Herrn Christi willen durch glauben,Vgl. Röm 3,24f. darauff ist diese antwort: man sol recht leren, Gott seine ehr geben vnd sünde straffen vnd dagegen den erschrocknen hertzen warhaffti
gen trost furhalten, ob gleich die zuhoͤrer nicht alle gleich sind, seine>Osianders. zuhoͤrer sind auch nicht alle gleich. Der schoͤne spruch Jere. xxiij. redet vom gantzen Herrn Christo vnd von der gantzen wolthat, da er spricht: Jch wil Dauid ein gerecht gewechs erwecken etc. Vnd dieses wird sein name sein, das man jn nennen wird Jehoua, vnser gerechtigkeit.Vgl. Jer 33,15f. Er sagt von einer
person, die vom geblüt Dauids herkomet vnd ist zu gleich warhafftiger Gott. Diese Person, spricht er, ist vnser gerechtigkeit. Hie sollen wir ja nicht vergebung der Sünde vnd den verdienst Christi ausschliessen, sondern gerechtigkeit also verstehen, das wir durch jn haben gratiam et donum, wie droben gesagt ist. Das ist dieses alles: vergebung der sünden, heiligung, ewiges le
ben vnd ewige seligkeit, wie S. Paulus dieses alles zusamen fasset, da er spricht j. Corin. j. Christus ist vns geborn von Gott, das er sey vnser weisheit, gerechtigkeit, heiligung vnd erloͤsung,Vgl. I Kor 1,30. welche wort auch von der gantzen Person reden vnd fassen den verdienst vnd vergebung der sünden, denn er nennet jnihn. die Erloͤsung. Also sind diese sprüche troͤstlich,
so man vergebung der sünd darin erkennet. Denn one diesen trost koͤnnen wir nicht fur Gott tretten, wir müssen erstlich den Artickel desdes: B; das: A. glaubens (Credo remissionem peccatorum)Vgl. das Apostolische Glaubensbekenntnis, in: BSELK, 42. betrachten vnd mit glauben fassen; vnd so wir vns also troͤsten, als denn ist dieses auch war,wahr. das Gott warhafftiglich in vns wonet vnd der HErr Christus selbs in vns wircket, wie er spricht:
Ego uitam aeternam do eis.Vgl. Joh 10,28 (Vg). Item: Nemo rapiet eos ex manibus meis.Vgl. Joh 10,28 (Vg).
Aus diesem allem schliesse ich, das ich den verdienst Christi vnd vergebung der sünden nicht ausschliesse, so S. Paulus spricht: wir werden gerecht durch glauben an Christum,Vgl. Röm 3,24f. vnd halte diese form in meinem gebet: Almechtiger, warhafftiger Gott, ewiger vnd Einiger Vatter Jhesu Christi, schaf
fer Himels vnd der Erden, Engeln vnd Menschen vnd aller Creaturn, sampt deinem Eingebornen SonVgl. Joh 1,14. Jhesu Christo vnd heiligem Geist, erbarm dich mein, vergibe mir meine sünde vnd mache mich gerecht vmb deines Sons Jhesu Christi willen, vnd durch jn, vnd heilige mich mit deinem heiligen Geist etc.Vgl. Philipp Melanchthon, Heubtartickel Christlicher Lere (1553), 125. Auch spricht Augustinus: Totius fiduciae certitudo est in
precioso sanguine Christi.Vgl. Ps.-Augustinus, Liber meditationum, cap. XIV: Omnis namque spes et totius fiduciae certitudo mihi est in pretioso sanguine ejus, qui effusus est propter nos et propter nostram salutem. In ipso respiro, et in ipso confisus, ad te pervenire desidero: non habens meam justitiam, sed eam quae est in Filio tuo Domino nostro Jesu Christo (PL 40, 910).
Mich wundert auch, warumb Osiander diese erklerung verwirfft, das wir in vnsern Kirchen sprechen, der Glaub, dauon Paulus spricht: Iustificati fide pacem habemus,Vgl. Röm 5,1 (Vg). sey fiducia misericordiae propter mediatorem promissae.In der Auflistung der aus Osianders Sicht irrtümlichen Vorstellungen von der Gerechtigkeit, findet sich die Rede vom Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes. Vgl. Osiander, Von dem einigen Mittler (1551), in: OGA 10, Nr. 488, S. 150,22. Vgl. zudem CA IV, in BSELK 98f; Apologie der CA IV, in: ebd., 284. Es mus ja vnterschied sein zwischen dem glauben, den auch die Teuf
fel haben, vnd diesem glauben, der die Verheissung annimet vnd dadurch das hertz, trost vnd freud erlanget, welcher gewislich ist erkentnis der barmhertzigkeit vnd ein vertrawen auff Christum, dauon Psal. ij. geschrieben ist: Selig sind alle, die auff jnihn. vertrawen,Vgl. Ps 2,12. auch wo die Propheten von der Barmhertzigkeit reden,Vgl. z. B. Jes 63,7; Jer 9,23; 42,12; Thr 3,22; Dan 9,9.18; Hos 2,21. fordern sie diesen glauben.
Das sey in diser Eile gnug, zu erinnerung vieler betrübter Leute, das sie wissen, das man trost am Herrn Christo, Gott vnd Menschen, suchen sol durch glauben, vnd das in solchem trost Gott gewislich in vns wonen vnd wircken woͤlle; wer diese ordnung mercket,beachtet. Vgl. Art. merken 5.c), in: DWb 12, 2099f. der kan besser verstehen, wo von man streittet vnd wird nicht jrre in diesen frembdenseltsamen. Vgl Art. fremd 6), in: DWb 4, 127f. disputationibus.
Jch hab auch viel stücke vbergangen, groͤsser gezenck zu uerhüten. Der Herr Jhesus Christus wolle vns gnediglich regiern. Amen.
Et quia citat D. Osiander Lutheri dicta,Etlich schöne Sprüche / von der || Rechtfertigung || des Glaubens / || Des Ehrwirdigen / Hochgelertē || D. Martini Luther || heiliger gedechtnis || Welche aus den vornemisten || vnd besten desselben Buͤchern zusamen gezogen / || vnd verdeudscht hat / || Andreas Osiander. || Nütz vnd gut wider allerley jrthum vnd verfürung / || || [Königsberg: Hans Lufft, 1551] (VD 16 L 3472). sciant lectores alibi eum de effectione alibi de consolatione loqui. Inspiciantur ergo enarrationes Psalmi MisererePs 51 [50 Vg]. et de profundis.Ps 130 [129 Vg]. Item argumentum Psalmi: Beati quorum remissae
sunt iniquitates.Ps 32,1. Item conciones capitis 16. Iohannis. Item propositiones contra Antinomos.Zu den hier genannten Werken Luthers: Martin Luther, WA 1, 166–174, 184–194, 206–211 (Die sieben Bußpsalmen, 1517); ders., WA 18,484–491, 498–507, 516–521 (Die sieben Bußpsalmen 1525); ders., WA 40II, 313–480 (Enarratio Psalmi LI, 1532); ders., WA 40III, 335–376 (Vorlesung über die Stufenpsalmen 1532–1533 [Ps 130]); ders, WA 46 1–111 (Das XVI. Kapitel S. Johannis gepredigt und ausgelegt, 1538); ders., WA 39I, 334–584 und 39II, 124–144 (Thesen gegen die Antinomer 1537–1540).
Et ante annos sedecim ego ipse ei quaestiones proposui ac petiui, ut diserte sua manu adscriberet responsiones. Etsi autem tunc tantum erat certamen cum Papistis, tamen ex illis responsionibus intelligi potest, quid senserit Lu
therus.
PHILIPPVS MELANTHON.
Manu propria subscripsit.
Ego, Ioannes Bugenhagen Pomeranus, Doctor et Pastor Ecclesiae VVitebergensis perpetuo precor patrem in nomine Filij per Spiritum sanctum, cum
gratiarum actione, ut seruet nos in hac doctrina et confessione de Christo Mediatore et iusticia nostra, usque in illum diem, quando similes erimus Filio Dei et erit Deus omnia in omnibus in aeternum etc. Quam doctrinam et confessionem hic scribit et publice fatetur uenerandus Praeceptor noster, Philippus Melanthon, ad gloriam magni Saluatoris nostri Iesu Christi,
in salutem multorum contra nouas dubitationes Osiandri. Hanc doctrinam certam per Spiritum sanctum post patrem Lutherum publice hactenus docuimus in Ecclesijs et scholis nostris, quae sunt in Christo, et defendimus scriptis nostris sit Christo gratia tota Ecclesia Christi, testificatur hoc de nobis, et Diabolus cum toto suo mundo propter hoc nos persequitur. Christus Domi
nus per Spiritum sanctum suum conseruet me et nos omnes in hac salutari doctrina et sancta confessione in aeternum. Obsecro omnes sanctos, id est, uere Christianos filios Dei, ut hoc ipsum orent pro nobis. Cupimus enim per Spiritum Christi manere in communione sanctorum. Christe fili Dei uiui, qui natus de uirgine Maria et passus pronobis, sedes ad dexteram patris et inter
cedis pro nobis, miserere nobis, aufer opprobrium nostrum. Amen. Scripsi mea manu et corde meo in conspectu Christi et Angelorum eius.
Et ego, Iohannes Forsterus, sacrae Theologiae Doctor et Haebraeae linguae in Academia Vuitebergensi professor hoc meo autographo testor, clarissimi uiri D. Philippi Melanthonis de iustificatione doctrinam in hoc
libello comprehensam et piam esse et ueram. Nec tantum cum Reuerendissimi Patris nostri D. Martini Lutheri, foelicissimae memoriae, sententia et scriptis, sed etiam cum omnium Prophetarum et Apostolorum doctrina consentire. Quod non tam ex confessione Augustana Caesareae Maiestati et totius Imperij ordinibus exhibita, quam ex eiusdem Philippi Praeceptoris nostri
obseruandissimi Apologia manifestum et Luce meridiana clarius est.
Nec uero nos ab ista semel agnita et recepta puriori doctrina latum (quod aiunt) unguem in hunc usque diem, DEI beneficio, discessimus, sed frementibus etiam et undique nos impugnantibus maleuolorum hominum odijs et calumnijs unice id studuimus, ut patefacta et prolata per CHRISTVM ex sinu
aeterni patris salutaris doctrina, et in scholis et Ecclesijs nostris incorrupta sonaret et ad posteritatem propagaretur.
Quod autem in his turbulentissimis temporibus quibus propter imminentia grauissima pe-ricula pij Doctores ad concordiam Christianam accendi debebant. Osiander nostram, praecipue de iustificationis articulo, doctri
nam impugnat, et tetris praestigijs ac Sophistica, quibus simplices et rudiores animos fascinat, euertere conatur, id non tam sinistro sacrae scripturae intellectu et peruersa scriptorum Doctoris Martini aliorumque piorum uirorum detorsione facit, quam quod ostentatione ingenij et ambitione flagrans antiquo suo obsequitur ingenio. Praeterquam etiam quod plurima rabiosissima
que conuicia in innocentes nos superbe et contumeliose ingerit, petulanter quoque et impie, multa contra uerbi DEI efficaciam et contra passionis et mortis filij DEI meritum euomit. Atque adeo in articulo iustificationis, ex meramera: B; mora: A. Hebraeae linguae ignorantia, cuius tamen excellentem prae alijs impudenter sibi arrogat cognitionem, horribiliter impias suas defendere et stabilire
conatur opiniones.
Profiteor itaque bona fide, recte ac iuste hic reprehendi, et ueris ac firmis argumentis, nostra etiam approbatione et consensu refutari Osiandri errores.
Hortor denique omnes pios cordatos et tranquillitatis Ecclesiae amantes, ut rabiem et furores Osiandri auersentur et fugiant, et nobiscum ueris et ardenti
bus gemitibus DEVM aeternum patrem Domini nostri IESV CHRISTI toto pectore orent, ut omnium hostium Ecclesiae furores opprimat, portentosa ista et his similia scandala pro sua misericordia tollat, et accensam Euangelij Lucem propter CHRISTVM mediatorem in his Ecclesijs conseruet et reliquorum piorum Doctorum animos in pia et salutari unitate perpetuo
Spiritu suo sancto stabiliat et confirmet.
AMEN.
DISPVTATIO PHILIPPI Melanthonis cum D. Martino Luthero
Anno 1536.
VERBA PHILIPPI.
Augustinus, ut apparet, extra disputationem commodius sensit, quam loquitur in disputationibus. Sic enim loquitur,Konnte bislang nicht verifiziert werden. quasi iudicare debeamus, nos iustos esse fide, hoc est, nouitate nostra.Vgl. Röm 6,4. Quod si est uerum, iusti sumus non sola fide, sed omnibus donis ac uirtutibus; idque sane uult Augustinus. Et hinc orta est scholasticorum Gratia gratum faciens.Vgl. Thomas von Aquin, Summa Theologia I/II q 111 a.1; a.5 c. Vos uero, utrum
sentitis hominem iustum esse illa nouitate, ut Augustinus, an uero imputatione gratuita, quae est extra nos, et fide, id est, fiducia, quae oritur ex uerbo?
RESPONSIO D. Martini Luth.
Sic sentio et persuasissimus sum ac certus, hanc esse ueram sententiam Euangelij et Apostolorum, quod sola imputatione gratuita sumus iusti
apud Deum.
Oppositiones Philippi.
An homo sola illa misericordia iustus est?Vgl. Tit 3,5.
Quod non sit sola illa misericordia iustus, uidetur, quia necessaria est iusticia nostra, hoc est, bona conscientia in operibus.
An non uultis concedere, ut dicatur: hominem esse iustum principaliter fide et minus principaliter operibus? Si tamen fides significet fiduciam et ut illa fiducia maneat certa, intelligatur, quod non requiratur perfectio legis, sed quod fides suppleat ea, quae desunt legi.
Vos conceditis duplicem iusticiam et quidem coram Deo necessariam esse,
scilicet fidei et illam alteram, uidelicet bonae conscientiae, in qua hoc, quod deest legi, supplet fides. Hoc quid aliud est quam dicere, quod homo iustificetur non sola fide? Certe enim iustificari non intelligitis Augustini more de principio regenerationis.
Augustinus non hoc sentit gratis saluari hominem, sed saluari propter dona
tas uirtutes. Quid uobis de hac Augustini sententia uidetur?
Tota ratio Augustini de meritis alia est quam uestra nec tollit nisi meritum impij.
RESPONSIO D. Lutheri ad omnia praedicta.
Hominem sentio fieri, esse et manere iustum seu iustam personam simplici
ter sola misericor-dia. Haec est enim iusticia perfecta, quae opponitur irae, morti, peccato etc. et absorbet omnia. Et reddit hominem simpliciter sanctum et innocentem, ac si reuera nullum in eo esset peccatum. Quia reputatio gratuita Dei nullum uult ibi esse peccatum, sicut Ioan. dicit: Qui natus est ex Deo, non peccat.Vgl. I Joh 3,9. Pugnat enim esse ex Deo natum et simul esse
peccatorem. Post hanc iusticiam homo est et dicitur iustus opere seu fructibus, quos et ipsos requirit Deus et remunerat. Hanc ego externam et operum iusticiam uoco,Vgl. Martin Luther, WA 39I, 93,8–14 (Disputatio de iustificatione, 1536). quae simpliciter sancta esse non potest in hac carne et uita etc. Ideo neque tollit mortem neque peccatum nec illis resistere potest, sed tantum cauet futura et maiora peccata.
VERBA PHILIPPI.
Quaero de Paulo renato: Qua re Paulus, postquam renatus est, iam deinceps iustus, id est, acceptus sit?Vgl. Tit 3,5; Eph 5,26; I Petr 3,23; Joh 3,23.
RESPONSIO D. LVTH.
Scilicet nulla re alia, sed sola illa renascentia per fidem, qua iustus factus est,
permanet iustus perpetuo et acceptus.
OBIECTA PHILIPPI.
An tantum iustus est propter misericordiam?
An uero principaliter propter misericordiam, et minus principaliter propter suas uirtutes seu opera?Vgl. oben die Oppositiones Philippi.
RESPONSIO D. LVTH.
Non, sed uirtutes et opera sunt iusta propter Paulum iustum, sicut opus propter personam placet uel displicet, ut etiam in Terentio dicitur.Vgl. Terenz, Ad., 823–825. Quia bonum opus a malo factum ne hominibus quidem placet.
VERBA PHILIPPI.
Videtur, quod non sola Misericordia, quia uos ipsi docetis, quod iusticia operum sit necessaria et quidem coram Deo. Et Paulus credens et faciens placet, non faciens non placeret. Ergo saltem est aliqua partialis causa nostra iusticia.
RESPONSIO D. LVTHERI.
Necessaria est, sed non necessitate legali seu coactionis, sed necessitate gratuita seu consequentiae seu Immutabilitatis. Sicut sol necessario lucet, si est sol, et tamen lucet non ex lege, sed ex natura seu uoluntate (ut sic dicam) immutabili, quia sic creatus est, ut luceat, sic iustus creatura nouaVgl. II Kor 5,17: Gal 6,15. facit opera necessitate immutabili, non lege seu coactione, iusto enim non est lex
posita.Vgl. I Tim 1,9. Deinde creati sumus (ait Paulus) in opera bona.Vgl. Eph 2,10. Caeterum, cum dicis, non faciens non placet, est implicite dictum, quia impossibile est dare credentem et non facientem.
PHILIPPVS.
Ideo SadoletusJacopo Sadoleto war 1513 Sekretär Papst Leos X. und seit 1517 Bischof von Carpentras. Im Jahr 1536 wurde ihm die Kardinalswürde verliehen. Ein Jahr später wurde er in die Kommssion zur Vorbereitung des Trienter Konzils berufen. Sadoleto zeichnete sich durch eine große humanistische Bildung aus und setzte sich für eine Einigung mit den Protestanten ein, indem er versuchte, diese für die römische Kirche zurück zu gewinnen. Vgl. Douglas, Jacopo Sadoleto; Lauchert, Gegner Luthers, 385–411, zu dem hier zitierten Römerbriefkommentar Sadoletos vgl. bes. 389–399. Zu Melanchthon und Sadoleto vgl. Kawerau, Melanchthon, bes. 34–50. ait nos pugnantia dicere, quod dicamus sola fide; et ta
men dicamus: iusticia operum est necessaria.Nam qui dicunt ex fide saluos nos fieri, neque ad salutem bonas operationes requiri, ipsi se impediunt, suum ipsi dictum repellunt et redarguunt. Jacobi Sadole= | ti Episcopi || In Pav= || li Epistolam ad Roma= || nos Commentario= || rum Libri || Tres || ||. [Lyon: Sebastian Gryphius, 1535], 100.
LVTHERVS.
Videlicet quia falsi fratresVgl. Gal 2,4. et hypocritae fingunt sese credere, ideo exiguntur opera, ut confundantur in sua hypocrisi. Sicut Elias exigit opera a sacerdotibus Baal, ubi Baal fuit confusus.Vgl. I Reg 18,25–40. Sic enim et Deus necessario facit
nihil nisi bonum et tamen sine lege etc.
PHILIPPVS.
Cum dicitis, sola fide iustificamur, an intelligitis tantum de principio,Vgl. Martin Luther, WA 39I, 93,26–94,11 (Disputatio de iustificatione, 1536). scilicet de remissione peccatorum. An uero uultis, quod Paulus renatus etiam postea placeat, non propter propriam obedientiam seu uirtutes saltem partia
liter, sed tantum propter misericordiam?
LVTHERVS.
Imo obedientia placet propter Paulum credentem, alioqui non placeret eius obedientia. Et quia persona iusta est, iusta est perpetuo, et tam diu iusta ex fide, quam diu fides manet. Mala ergo diuisio est personam diuideredeuidere: B; diuidere: A. in prin
cipium, medium et finem. Opera igitur fulgent radijs fidei et propter fidem placent, non econtra. Alioqui sequentia opera fidem excellerent iustificando, quia diutius (ut medio et fine uitae)): B; (: A. iustificarent, et ita fides tantum esset in principio iustificatrix, postea abiens uel cessans operibus relinqueret gloriam et ita fieret inanis et praeterita.
PHILIPPVS.
Paulus est iustus, id est, acceptus ad uitam aeternam sola misericordia. Contra, si non accederet partialis causa, scilicet illa obedientia, non fieret saluus,Vgl. Martin Luther, WA 39I, 93,18f (Disputatio de iustificatione, 1536). iuxta illud: Uae mihi, si non Euangelizem.Vgl. I Kor 9,16.
LVTHERVS.
Nulla partialis causa accedit, quia fides est semper efficax uel non est fides.Vgl. Martin Luther, WA 39I, 93,4–9; 97,11; 106,25 (Disputatio de iustificatione, 1536). Ideo quicquid opera sunt aut ualent, hoc sunt et ualent gloria et uirtute fidei,Vgl. Martin Luther, WA 39I, 124,4f (Disputatio de iustificatione, 1536). quae est Sol istorum radiorum ineuitabiliter.
PHILIPPVS.
Apud Augustinum sola fide tantum excludit opera praecedentia.Vgl. Augustinus, Enarrationes in Psalmos, Ps 31, II,5, in: PL 36, 260; Augustinus, De diversis Quaestionibus ad Simplicianum libri II, Quaestio II,2, in: PL 40, 111f.
LVTHERVS.
Sit hoc uel non, tamen ista uox Augustini satis ostendit eum nobiscum sentire, ubi dicit: Turbabor, sed non perturbabor, quia uulnerum Domini recordabor.Vgl. Bernhard von Clairvaux, Sermones in Cantica Canticorum, 61,3, in: PL 183, 1072. Hic enim clare sentit fidem ualere principio, medio, fine, et perpetuo, sicut ait Dauid: Apud te propiciatio est.Vgl. Ps 129,4 (Vg). Item: Non intres in iudicium
cum seruo tuo.Vgl. Ps 142,2 (Vg).
PHILIPPVS.
Vtrum haec propositio sit uera: Iusticia operum est necessaria ad salutem?
LVTHERVS.Vgl. Martin Luther, WA 39I, 96,4–14 (Disputatio de iustificatione, 1536).
Non quod operentur seu impetrent salu-tem, sed quod fidei impetranti
praesentes seu coram sunt, sicut ego necessario adero ad salutem meam. Jch werde auch da bey sein, sagt jhener gesel.Vgl. WA.T 6,152,20f.
Imaginatio Sadoleti fortassis haec est, quod fides sit opusVgl. Martin Luther, WA 39I, 90,11–16; 98,24–29; 120,14–20 (Disputatio de iustificatione, 1536). exactum lege diuina, sicut et charitas, obedientia, castitas etc. Ergo qui credit, impleuit unam uel primam partempatrem: B; partem: A. legis et sic habet principium iustificationis seu iusticiae,
sed principio habito requiruntur et alia praecepta opera post fidem.
Hic Vides.
Sadoletum nihil intelligere de ista causa. Nam si fides esset opus praeceptum, tunc recte omnia Sadoletus et tunc fides sic renouaret initio hominem, sicut alia opera bona postea renouarent.
At nos dicimus, fidem esse opus promissionis seu donum Spiritus sancti,Vgl. Martin Luther, WA 39I, 90,15–20; 91,5f (Disputatio de iustificatione, 1536). quod quidem ad legem faciendam necessarium est, sed per legem et opera non impetratur. Donatum autem hoc donum facit personam nouam perpetuo, quae persona tamen facit opera noua, non econtra, opera noua faciunt personam nouam. Ita placent opera Pauli, non quia bona sunt, sed quia Paulus pla
cens ea facit, non placitura, nisi Paulus placeret. Nulla ergo iusticia personalis debeturSeitenumbruch D 3r–v: B. operibus coram Deo, licet accidentaliter glo-rificabunt personam praemijs certis. Sed personam non iustificant, omnes enim aequaliter iusti sumus in uno Christo, omnes aequaliter dilecti et placentes secundum personam, tamen differt stella a stella per claritatem. Sed Deus non mi
nus diliget stellam saturni quam solem et lunam.Vgl. Augustinus, De diversis Quaestionibus ad Simplicianum libri II, Quaestio II,8, in: PL 40, 116.
Summa.
Credentes sunt noua creatura,Vgl. II Kor 5,17; Gal 6,15. noua arbor, ideo istae phrases legales non pertinent huc, scilicet fidelis debet opera bona facere,Vgl. Martin Luther, WA 39I, 90,1–10 (Disputatio de iustificatione, 1536). sicut non recte dicitur, sol debet lucere, arbor bona debet bonos fructus ferre, 3 et 7 debent esse
10. Quia Sol lucet de facto, arbor facit de facto, 3 et 7 sunt 10 de facto,Vgl. Augustinus, De libero arbitrio II,8,21, in: PL 32, 1252 (CSEL 74, 57,21–23). non sunt in fieri uel debere, sed in facto esse. Nisi conditionaliter et hypothetice intelligas ita, si Sol est, tunc debet lucere, si uis fidelis esse, oportet ut opereris, sed hoc dicitur contra fucatum Solem et fidem, de uera fide et Sole ridicule dicuntur.B: Impressum apud Ioannem Montanum et Vlricum Neuberum. Anno M.D.LII.