Controversia et Confessio, Bd. 7


Osiander, Rechte, wahre Auslegung (1551)

Osiander, Rechte, wahre Auslegung (1551)Nr. 5 ULB Darmstadt info:isil/DE-17 Darmstadt Letzte Änderung: 2023-05-23 Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (CC BY)

Rechte, ware vnd Christliche Auslegung

vber die Wort des HERRN, Johan. am 16. Cap.

Jch geh zu meinem Vater vnd jr sehet mich forthinfort. nicht mehr.Vgl. Joh 16,10.

Andreas Osiander.

Wjewol ich durch lange erfarung vnd vil lesens wol vermerckt vnd
verstanden hab, wie mancherley weis vnd wie wunderbarlichexzentrisch, verschroben. Vgl. Art. wunderbarlich 5.f), in: DWb 30, 1856. die heilig Schrifft von denn KetzernZu Osianders Erfahrungen mit abweichenden Lehrmeinungen zu seiner Zeit vgl. Seebaß, Osiander, 111–135. verkert vnd felschlich Ausgelegt wirt, sonderlich jtzt in disen letzten zeitenZur Endzeiterwartung der Zeit vgl. Leppin, Antichrist und Jüngster Tag. von den newen Ketzern,Damit meint Osiander seine Gegner, vornehmlich in Königsberg selbst: Mörlin, Hegemon, Venediger. Vgl. dazu unsere Ausgabe Nr. 9. die die Goͤtlichen [sic] Gerechtigkeit der Goͤtlichen Natur jn JHEsu CHRisto, vnserm Herrn, verwerffen vnd verlestern vnd sie nicht wollen lassen die Gerechtigkeit sein,
die vns durch den Glauben zugerechnet, vnser vnd jn vns sey. So hab ich mich doch noch nie versehen,hätte ich nie gedacht, angenommen. Vgl. Art. versehen 9.a), in: DWb 25, 1247f. das sie so kuͤnvermessen, dummdreist. Vgl. Art. kühn II.2.e), in: DWb 11, 2576f. vnd vnuerschampt solten sein, das sie sich vnterstunden, die gemeltenzitierten. Wort Christi auff jren Ketzerischen sinn vnd falschen verstand zu ziehen,in ihrem flaschen, verkehrten Sinn auslegen. Vgl. Art. ziehen I.E.3.b), in: DWb 31, 984. bis ichs in jren schrifften gelesen, aus jren predigen erfarn vnd desselben durch vil gute
freund bericht worden bin.Anfang Juni 1551 hatten die Gegner Osiander in Königsberg nach Aufforderung durch Herzog Albrecht ihre Bekenntnisse in der Frage der Rechtfertigungslehre eingereicht (vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 152f; Fligge, Osiandrismus, 69–71). Es scheint, als seien diese Dokumente Osiander zugespielt worden, denn auf diese bezog er sich in seinem eigenen Bekenntnis Von dem einigen Mittler (vgl. bes. OGA 10, Nr. 488, 228,23f, mit Anm. 522), welches er einen Monat nach seinen Gegnern, am 9. Juli 1551, dem Herzog übermittelte. Auf diese Texte bezieht sich Osiander hier wohl erneut. Vgl. auch OGA 10, 50. Dann es sein in der gantzen heiligen Schrifft nicht Wort, die jrer Ketzerey gewaltigerdeutlicher, klarer, eindeutiger. widerstehn, dan eben dise wort, die Johannes in seinem Euangelio also gefasset vnd geschriben hat:

Wann der Troͤster kombt, so wirt er die Welt straffen vmb die Suͤnd vnd vmb die Gerechtigkeit vnd vmb das Gericht; vmb die Suͤnd, das sie nicht
gleuben an mich; vmb die Gerechtigkeit, das Jch zu meinem Vater gehe vnd jr mich fortfortan. nicht sehet; vmb das Gericht, das der Fuͤrst diser WeltDer Satan. schon gerichtet ist.Vgl. Joh 16,8–11.

Jn disen Worten zeuget der HERR Christus, das die Welt gantz vnd gar nichts verstehe, was Suͤnd, Gerechtigkeit vnd Goͤttlich Gericht im Reich
Christi sey, sonder der heilig Geist, von [sic] Himel herab gesandt, muss es die Welt lehren; vnd nicht allein lehren, sonder auch mit jr daruͤber gleich hadernstreiten. Vgl. Art. hadern 1.a), in: DWb 10, 117f. vnd zancken, als die es nicht gern glauben wil, sonder allerley einredEinsprüche. Vgl. Art. Einrede 2), in: DWb 3, 247. furpringt vnd hefftig WiderpartWiderstand leisten, Gegenrede führen. Vgl. Art. Widerpart 5.c), in: DWb 29, 1137f. helt vnd schlechtsschlicht. von jrem blinden sinn vnd jrrigen verstand nicht wil abweichen, dan das woͤrtlein
Straffen heist alhie eigentlich vberdisputirn, vberwinden, mit guten gegruͤndten Argumenten vberzeugen, wie man in den Schulen thut, vnd also die jrthum straffen, das sie erkennet vnd hingelegtHier analog zu Streit schlichten im Sinne von: überwunden. Vgl. Art. hinlegen 4), in: DWb 10, 1453. werden. Nun ist aber gewiss, das der heilig Geist solches straffen nicht fur sich selbs vbet,ausübt, ausführt. sonder durch die Aposteln vnd andre geistreiche Leut treybtvollzieht. vnd vbet er
solche straff, derhalben ist offenbar, das, weilso lange. die Welt steht vnd noch geistreiche leut in der Welt sein, dises hadern, zancken, disputirn vnd straffen nicht auffhoͤren wirt, noch auffhoͤren kan, dann der heilig Geist lest seines straffens nicht, so lest die Welt jres widersprechens auch nicht.

Wann nun der heilig Geist kombt vnd die Welt strafft, als die nicht weis, was
Gerechtigkeit ist, wiewol sie meint, sie wisse es gar wol, Lieber,Direkte Anrede des Lesers in Schmeichelform. Vgl. Art. lieb IV.9), in: DWb 12, 911. wie strafft er sie? Warmit vberzeugt er sie? Was lehret er sie fur ein wunderlicheseltsame, sonderbare. Vgl. Art. wunderlich A.4.a.γ), in: DWb 30, 1911. Gerechtigkeit? Die kein Mensch verstehn kan, es vberwinde jnihn. dann der heilig Geist? Antwort: Er lehret vnd zeuget, das vnser HERR Jhesus Christus zum Vater geh, vnd aus dem selben sollen wir verstehn, was die ware vnd
ewige Gerechtigkeit sey, dardurch wir mussen selig werden.

Wir mussen aber fleissig acht haben auff das woͤrtlein JCH, da Christus spricht: Jch geh zu meinem Vater. Jch, spricht Er, das ist, jch vnd kein andrer, jch vnd sonst niemand, wie er das auffs aller klerist bezeugt Johan. am 3. vnd spricht: Niemand fehret gehn Himel, dann der
vom Himel hernider komen ist, nemlich des Menschen Son, der im Himel ist.Vgl. Joh 3,13. Dieweil aber CHRJSTus, der HERRN [sic], allein gen Himel fehret vnd zum Vater geht, so wil von noͤten sein, das wir eigentlichgenau, sorgfältig. Vgl. Art. eigentlich, in: DWb 3, 102f. wissen, was es sey,bedeute. das er zum Vater geht. Es ist aber nichts anders, dann, nach dem er aller Welt Suͤnd auff sich genomen hat,Vgl. Jes 53,5. das er durch sein Leiden vnd
sterben genug dafur thueVgl. I Petr 2,24. vnd durch sein aufferstehung vnd Himelfart sich auch nach seiner Menschlichen Natur zur gerechtenRechten. Gottes Vaters setze.Vgl. Mk 16,19; Act 7,55; Röm 8,34; Eph 1,20; Hebr 1,3. Vnd darinne sein zwen sondre Heubtpunct fleissig zu mercken vnd hoch zu uerwundern: Erstlich das, wiewol aller Welt Suͤnd auff im gelegen vnd er darumb hat muͤssen sterben vnd gen Konjiziert aus Hellefarn.Helle farn,Vgl. Eph 4,9; I Petr 3,18. Vgl. außerdem Osianders Gutachten zur Höllenfahrt Christi in OGA 9, Nr. 412, S. 324–327. das er dannochdennoch, gleichwohl. nicht
darinne bleibt, sonder Suͤnd, Todt vnd Helle vnd allen Zorn Gottes also vberwindet, das er dannochnoch zu der Zeit. Vgl. Art. dannoch, in: DWb 2, 748. wider zum Vater geht vnd sich zu seiner rechten setzt als ein HERR vber alles;Vgl. Eph 1,20–22. dan daher haben wir vergebung der Suͤnd.Vgl. Eph 1,7. Zum andern, das er allein vnd sonst niemand gen Himel fehret vnd zum Vater geht; dann daraus kombt der recht, reinwahrhaftige. Vgl. Art. rein II.2.g), in: DWb 14, 688f. verstand, was die ware,
ewige Gerechtigkeit sey, die der heilig Geist mit Hadern vnd Zancken wider die Heiden vnd Ketzer in der Welt erhaltenbewahren. Vgl. Art. erhalten 3), in: DWb 3, 835. muss.

Wollen wir nun dise Gerechtigkeit recht verstehn, was sie sey, so mussen wir wissen, dieweil Christus warer Gott vnd Mensch ist, woher er die krafft hab, das er allein gen Himel feret vnd zum Vater geht, dieweil ja sonst niemand
gen Himel feret dan Er, das ist, ob er aus krafft seiner Goͤttlichen Natur oder aus krafft seiner menschlichen Natur gen Himel far vnd zum Vater gehe? Vnd da ist als bald die heilig Schrifft lauterdeutlich. Vgl. Art. lauter 13), in: DWb 12, 382. vnd klar mit vnzelichen gezeugnussen, das es allein aus krafft seiner Goͤttlichen Natur geschicht. Solchs recht zu uerstehn, muss man wissen, das, wan Christus etwas von
wercken seiner Goͤttlichen Natur sagen wil, so schreibt ers gemeinigklich dem Vater zu, dann daraus volget als bald, das es auch Werck des Sons sein, wie er spricht Johan. 5: Was der Vater thut, das thut zugleich auch der Son,Vgl. Joh 5,19. ja auch der heilig Geist nach der gemeinen Regel: Opera Trinitatis ad extra sunt indiuisa.Hierbei handelt es um einen Grundsatz der Trinitätstheologie Augustins. Vgl. Marschler, Opera trinitatis.

Das er aber allein aus krafft seiner Goͤtlichen Natur vnd nicht aus krafft seiner Menschlichen Natur gen Himel far vnd zum Vater gehe, das zeuget die Schrifft in allen stuͤcken gewaltigklich.überdeutlich. Den Gott, der Vater, hat seinChristi. Seel aus der Helle erloͤset, wie Er spricht Jm Sechzenden Psalm vnd Acto. am 2: Du wirst mein Seele nicht in der Helle lassen,Vgl. Ps 16,10; Act 2,27. vnd
Psalm 86: Du hast mich erloͤset aus der vntersten Helle.Vgl. Ps 86,13. GOTt, der Vater, hat inihn (Christus). vom Tod aufferweckt, wie geschriben ist in den Geschichten am 2: Disen Christum hat GOTt aufferweckt vnd auffgeloͤset die schmertzen des Tods.Vgl. Act 2,24. Jtem am 3: Jr habt den Fuͤrsten des lebens getoͤdtet; den hat Gott aufferweckt von den Todten.Vgl. Act 3,15. Jtem 1. Cor. 6: GOtt
hat den HERRN aufferweckt vnd wirt vns auch aufferwecken durch sein krafft.Vgl. I Kor 6,14. Gott, der Vater, hat in auch in Himel genomen, wie Petrus Acto. 2. zeugt vnd spricht: Nun er durch die rechten Gottes erhoͤhet ist etc.,Vgl. Act 2,33. vnd Paulus zun Philipp. am 2: Gott hat inihn. erhoͤhet vnd jmihm. ein Namen geben vber alle Namen.Vgl. Phil 2,9. So aber GOTT, der Vater, die Seel Christi aus der Helle
erloͤset vnd sein gantze Menschliche Natur vom Todt auffweckt vnd jn erhoͤhet hat bis zu seiner Gerechten,Rechten im Himmel. so ist vngezweiffelt, der Son vnd heilig Geist habens auch gethon; dan sie drey sein ein einigseinziges, einheitliches. Goͤttlichs wesen vnd Goͤttliche Natur; darumb ist gewiss, das Christus in krafft seiner Goͤttlichen Natur aus der Helle geht, vom Tod auff steht vnd gen Himel zu
seinem Vater fehret.

Das ists auch, das Christus selbs sagt Johan. 3: Niemand fehret gen Himel, dan der vom Himel hernider kommen ist, nemlich des Menschen Son, der im Himel ist.Vgl. Joh 3,13. Christus aber ist allein nach seiner Goͤttlichen Natur von Himel hernider kommen, dan sein Menschliche Natur hat aller
erst in dem reinen leib der hochgelobten alwegimmerwährenden. Vgl. die Beschlüsse des 2. Constantinopolitanums im Jahr 553 (DS 422, 427). Vgl. zudem Franz Courth, Art. Maria/Marienfömmigkeit III/2: Katholisch, in: TRE 22 (1992), 143–148, bes. 144f. Jungfrawen Marie durch wirckung des heiligen Geists angefangenerhalten. vnd ist nicht von Himel herab kommen, wie etliche Ketzer genarret haben;Osiander verweist damit wohl auf den Streit, den der Priester und Archimandrit des Hiobklosters von Konstantinopel, Eutyches, auslöste, der für seine monophysitischen Ansichten während des Konzils von Chalcedon im Jahr 451 verurteilt wurde. Vgl. Hanns Christof Brennecke, Art. Eutyches, in: RGG4 2 (1999), 1686; ders., Eutychianischer Streit, in: RGG4 2 (1999), 1686f. darumb fehret Christus auch jn krafft der selbigen Goͤttlichen Natur wider gen Himel. Des gleichen, da er das redet, da war er allein nach seiner Goͤttlichen Natur jm Himel, nach der
Menschlichen aber auff Erden; darumb fehret er eben in Krafft der selbigen Goͤttlichen Natur gen Himel, nach der er im Himel ist; dan seine Wort sein lauter vnd klar: Niemand feret gen Himel, dan der vom Himel kommen ist vnd im Himel ist.

NVN wolten wir ja auch gern in Himel kommen vnd im Reich der Himmel
ewigklich bey dem Vater, Son vnd heiligen Geist bleiben. Das geschicht aber nicht, wir werden dan vorhinvorher. Vgl. Art. vorhin 2.c), in: DWb 26, 1203. Gerecht, wie Christus zeuget Matt. 5 vnd spricht: Es sey dan ewr Gerechtigkeit besser dan der Schrifftgelerten vnd Phariseer, so wert jr nicht in das Himmelreich kommen;Vgl, Mt 5,20. darumb muͤssen wir nicht allein Gerecht sein, sonder auch ein pessere Gerechtigkeit
haben dan die Schrifftgelerten vnd Phariseer; das kan aber kein andre sein dan die Goͤttliche Gerechtigkeit Christi, welche ist sein Goͤttliche Natur vnd Goͤttlich wesen selbs. Dann wan er durch den Glauben in vns wohnet,Vgl. Eph 3,17. so haben wir sein Gerechtigkeit in vns, die wirt vns auch zugerechnet vnd geschenckt vnd wirckt allerley gute Fruͤcht in vns,Vgl. Phil 1,11; Röm 3,22. wan wir vnsere glider jr
zu Waffen der Gerechtigkeit dargeben,Vgl. Röm 6,13. bis wir jm gehorsam volkommen werden in der Aufferstehung.

Wan wir nun gehn Himel wollen fahren vnd fragen nach der Gerechtigkeit, die vns in Himel bringen sol, so steht Christus da vnd spricht: Niemand fehret gen Himel, dan der vom Himel herab kommen ist, nemlich des Menschen
Son, der im Himel ist,Vgl. Joh 3,13. vnd ist eben so vil geredt, als da er spricht: Jch geh zum Vater.Vgl. Joh 16,10. Da last vns nun, liebe Christen, die ohren des Geists auff thun vnd recht hoͤren vnd verstehn,Vgl. Mt 1 1,15; Mt 13,9.43; Mk 4,9.12.23; Lk 8,8; 14,35; Apk 2,7.11.17.29; 3,6. wie Christus dise wort meinet vnd verstanden haben wil. Dann es ist eben so vil gesagt, als sprech er: Jch bin als warer Gottes Son vnd Gott selbs, dazumaldamals. Vgl. Art. dazumal, in: DWb 2, 876. noch nicht Mensch, von
Himel kommen vnd hab auff Erden Menschliche Natur an mich genomen vnd bin doch bey vnd mit dem Vater vnd heiligen Geist im Himel ein Goͤttlich wesen bliben; vnd nach dem ich Mensch bin worden, bin ich eben der vorig wareKonjziert aus: wvre. Gott, wider gen Himel gefaren, gleich wie ich als warer Gott bin hernider kommen, vnd hab doch mein Menschliche Natur nicht
verlassen, sonder, warer GOTT vnd Mensch, mich zur Gerechten meins Vaters gesetzt; vnd fehret sonst niemand gen Himel aus eigner krafft dan ich, der einige Son Gottes, warer Gott. Darumb, wolt jr auch gen Himel faren, so must jr durch den Glauben vnd die Tauff in mich eingeleibtVgl. Röm 6,4; Kol 2,12. vnd glider meines Leibs werden, fleisch von meinem fleisch vnd gepein von meinem
gepein,Vgl. Eph 5,30. vnd in mir meiner Goͤttlichen Natur auch theilhafftig werden,Vgl. II Petr 1,4. die wirt dann in euch wohnen; vnd wan die Suͤnd durch den Todt aussgefeget vnd vertilget wirt,Vgl. I Kor 5,7. so wirt mein Goͤttliche Natur, die da durch das mittel meiner Menschlichen Natur in euch wohnet, euch mit Leib vnd Seel auch gen Himel fuͤren vnd erhoͤhen vnd zum Vater bringen; dan wo mein
Goͤtliche Natur nicht ist, die von Himel hinab gestigen vnd wider hinauff gefarn ist, da wirt kein Mensch ewigklich gen Himel koͤnnen fahren.

Hierauff hat auch der heilig Paulus gesehen, da er 1. Thesselo.Thessalonicher. am 4. Cap. spricht; Die Todten in Christo werden anfferstehn zu erst, darnach wir, die wir leben vnd vberbleiben, werden zugleich mit den selben hin
gezuckthingerissen, entrückt, aufgenommen. Vgl. Art. hinzucken 1), in: DWb 10, 1551. werden in den Wolcken, dem HErrn entgegen.Vgl. I Thess 4,16f (Luther 1534). Dann da hoͤren wir, das alle ausserwelte nicht auss eigner krafft gen Himel faren, sonder durch ein andre krafft dem HERRN Christo entgegen hingezuckt werden, ja, sagt er, hingezuckt werden. Soͤlches hinzucken aber wirt durch keinen Engel geschehen, sonder die Goͤttliche Natur vnsers HERRN JHEsu Christi, der
durch Glauben in vns wonet, wirt vns hinzucken, fuͤren vnd erhoͤhen, gleich wie der Geist Philippum vom Kammerer aus Morenland hinweg rucket, das in der Kammerer nicht mer sahe, vnd bracht in gen Assdod, Acto. 8.Vgl. Act 8,39f.

Aus dem versteht man nun leichtlich, was es fur ein Gerechtigkeit ist, vmb
der willen der heilige Geist in seinen Aposteln vnd Predigern mit der Welt muss Disputirn, hadern, zancken vnd sie straffen, nemlich die Goͤttlich Gerechtigkeit, welche auch ist die Goͤttlich Natur CHRJsti, der durch den Glauben in vns wonet.Vgl. Eph 3,17. Vnd ist gleich, als sprech der heilig Geist durch jrgen [sic] einen seiner Prediger: Jr arme, elende, blinde, verfurte
Menschen, was sucht, tichteterfindet. Vgl. Art. dichten 5), in: DWb 12, 1060f. vnd lehret jr doch so mancherley Gerechtigkeit? Wolt jr nicht hoͤren, glauben, verstehn, das Christus allein der man,Mann. ist der zum Vater geht? Last jr euch dan nicht sagen, das niemand gen Himel fehret, dan der herab ist kommen? Wolt jr Gerecht sein vnd das Reich Gottes ererben,Vgl. I Kor 6,9f. so muss warlich der in euch sein, der allein
gehn Himel feret vnd zum Vater geht, das ist Gottes Son, Gott selbs, der von Himel kommen ist, sonst werdt jr nimmer mehr gen Himel farn noch zum Vater kommen. Was huͤlffe es dan euch, wan jr gleich alle Gerechtigkeit hett, die Menschen vnd Engel erdencken koͤnten, vnd hettet dise einige,einzige. ewige Gerechtigkeit nicht, die der Son Gottes nach seiner Goͤttlichen Natur
mit dem Vater vnd heiligen Geist selbst ist, dieweil euch kein andre Gerechtigkeit in Himel erheben vnd zum Vater bringen kan? Wan jr aber dise Gerechtigkeit durch den Glauben ergreifft vnd Christus in euch ist, was kan euch doch mangeln, das jr nicht in seiner Gottheit reichlich, vberfluͤssigHendiadiyon: reichlich, im Überfluss. vnd vnentlich genug habt?

Herwiderumb, in welchem CHRistus durch den Glauben nicht wonet, der ist vntuͤchtig vnd verworffen, 2. Cor. 13.Vgl. II Kor 13,5. Wer den Geist Christi, das ist, den heiligen Geist, der Gott selbs vnd das gantz Goͤttlich wesen ist, nicht hat, der ist nicht Christi; ist er nicht CHRisti, so ist er auch nicht gerecht; vnd auff dise weiss Disputirt, Hadert vnd Zanckt der heilig Geist mit der Welt
vber der waren, ewigen Gerechtigkeit, die GOTt selbs ist, vnd strafft sie vmb jren vnuerstand, das sie so gar nichts darumb weis noch versteht, vnd vber zeuget sie mit disem kurtzen woͤrtleinAusspruch. Vgl. Art. Wörtchen 1.a), in: DWb 30, 1553. allein, das Christus gesagt hat: Jch geh zum Vater, das kein andre Gerechtigkeit vor Gott gilt danals. die Goͤttlich Gerechtigkeit Jhesu Christi, seines lieben Sons, die er vom
Vater vnd mit dem Vater vnd heiligen Geist gemein hat,zusammen besitzt. das ist, sein Goͤttlich wesen selbs, das von Himel kommen, menschliche Natur an sich genomen, wider gen Himel gefarn vnd zum Vater gangen ist; vnd wan die menschen ein andre Gerechtigkeit tichten, so helt er jnihnen. das woͤrtlein jmmer fur die Nasen: Christus geht zum Vater; dise ewreure. getichte Gerechtigkeit
ist nicht Christus, Gottes Son, der vom Himel herab gestigen ist, darumb wirt sie auch nicht hinauff fahren, vil weniger euch hinauff furen; sie ist nicht Christus, der zum Vater geht, darumb wirt sie euch auch nicht zum Vater furen.

Aber das alles hilfft bey der tollenverrückten, närrischen. Vgl. Art. toll I.1.e), in: DWb 21, 634f. Welt nichts, sie wil schlechtsschlicht, einfach. diser
Goͤttlichen Gerechtigkeit, daruon der heilig Geist mit jr disputirt, nicht haben noch hoͤren, sonder verwirffts, verleugts vnd verlesterts auffs aller greulichst, wie es jrem Fuͤrsten, dem Teuffel,Vgl. Joh 12,31; 14,30; 16,11. nur wol gefellet. Aber sie hat jr vrteil; dan wer dise Gerechtigkeit nicht hat, der ist nicht Christi, sonder des Teuffels;Vgl. I Joh 3,10. wer sie verlestert, der redet nicht aus dem
heiligen Geist,Vgl. Mt 10,20. sonder der Teuffel redet aus im;ihm. wer sie verflucht vnd spricht: Der Teuffel sol sie holen,Anspielung auf eine angebliche Aussage Mörlins in einer Predigt. Osiander kommt darauf auch in seinem Bekenntnis Von dem einigen Mittler zu sprechen. Vgl. OGA 10, Nr. 488, S. 92,15–19. Zur Polemik Mörlins gegen Osiander vgl. zudem Stupperich, Osiander in Preussen, 154–158. ist zu besorgen, er Suͤndig ingegen. den heiligen Geist vnd hab kein vergebung,Vgl. Mt 12,31f; Mk 3,29. weder hie noch dort,Weder im Diesseits noch im Jenseits. sonder sey schuͤldig eins ewigen Gerichts. Doch ist dises disputirn, zancken vnd hadern des heiligen Geists nicht on frucht, dan es finden sich jmmer dar etlich, die
dise Goͤttliche Gerechtigkeit nicht verwerffen noch verachten – dan sie hat Christum, vnsern HERN [sic], sein leiden, sterben vnd blutuergissen kostet, darmit er sie vns verdienet vnd erworben hat –, sonder nemens an, haltens fest im Glauben vnd begebenüberlassen. Vgl. Art. begeben 1.a), in: DWb 1, 1279. jrihr: der göttlichen Gerechtigkeit. jreihre. Gemeint sind diejenigen, die nach Osianders Ansicht die göttliche Gerechtigkeit richtig verstehen. glider zu waffen der Gerechtigkeit, das sie geheiligt werden.Vgl. Röm 6,19. So ergreifft sie dise Gerechtigkeit,
der Son Gottes, auch vnd nimbt sie an zu glidern seiner heiligen Menscheit, wonet in jnen vnd furet sie in krafft seiner Goͤttlichen Natur entlichschließlich, am Ende der Zeiten. gen Himel vnd bringt sie auch zum Vater, dawo. sie dan jmmer vnd ewig selig sein. Dann wir sein alle einer jn Jhesu Christo, wie Paulus zeuget Galat. 3.Vgl. Gal 3,28.

Das alles aber geht heimlich im Glauben zu, das wirs nicht sehen noch
empfinden, darumb ergert sich auch die welt so grewlich daran.Nur in Kustode B 4r: daran. Aber gleich wie wir Christo gleuben, wann der spricht: Das ist mein Leib, das ist mein Blut,Vgl. Mt 26,26–28; Mk 14,22–24; Lk 22,19f. ob wirs wol nicht sehen, schmecken, richen, greiffen oder empfinden, also sollen wir jm hie auch gleuben, das er in vns vnd wir in jm seinen,ihm. das er nach seiner Goͤttlichen Natur vnser Gerechtigkeit sey,
die vns gen Himel fuͤren vnd zum Vater bringen werdt; vnd darumb spricht er auch: Jch gehe zum Vater vnd jr sehet mich furoforthin. nicht, gleich als spreche er: Wie ich fur mich selbs in Goͤtlicher krafft zum Vater gehe vnd mein menschliche Natur mit fuͤre, also wil ich auch in euch sein vnd Jn EVCH auch zum Vater gehn vnd euch mit fuͤren; das soll ewr Gerechtigkeit
sein; aber jr werdt mich nicht sehen, sonder must es gleuben; dan eben darumb geh ich hinweg, das jr das sehen vnd empfinden must faren lassenaufgeben. Vgl. Art. fahren 13), in: DWb 3, 1255f. vnd euch an den Glauben halten. Dan: Selig sein, die da nicht sehen vnd dannoch glauben;Vgl. Joh 20,29. das ist der recht verstand diser wort Christi, vnd wer ein andern bringt, der verfurt die einfeltigenredlichen, unschuldigen Gemüts sind. Vgl. Art. einfältig 2), in: DWb 3, 173. vnd wirt sein vrteil muͤssen
tragen.

Ende.