Vorwort
Mit dem hier vorliegenden Band 7 zum Osiandrischen Streit erscheint der letzte, noch ausstehende Textband der Reihe Controversia et Confessio. Er widmet sich einer Kontroverse, die zwar in das Spektrum der Streitigkeiten gehört, die nach der Veröffentlichung des Interims 1548 aufbrachen. Aber der Osiandrische Streit nimmt insofern eine Sonderstellung ein, als er sich – anders als die anderen Kontroversen – nicht direkt an den Formulierungen jenes kaiserlichen Religionsgesetzes bzw. des als Alternativvorschlag konzipierten Leipziger Landtagsentwurfs entzündete. Im Mittelpunkt stand vielmehr eine von Andreas Osiander d. Ä. formulierte Rechtfertigungslehre, die für den einstigen Nürnberger Reformator und sodann als Interimsgegner in Königsberg wirkenden Professor charakteristisch wurde. Zu Recht trägt daher die Kontroverse Osianders Namen, zumal sich die Schar seiner Anhänger und Gesinnungsgenossen in engen zahlenmäßigen Grenzen hielt. Auffällig ist, dass all jene, die in den anderen, zeitgleich verlaufenden Streitigkeiten sich in verschiedenen Konstellationen in strenge Verfechter der Theologie Luthers, in Anhänger der Lehren Melanchthons oder auch in Sympathisanten einer von Calvin beeinflussten theologischen Richtung aufspalteten, in der Abwehr der Position Osianders jedoch einhellig zusammenstanden. Das isolierte Osiander und auch seinen – ungebrochen zu ihm haltenden – preußischen Landesherrn, Herzog Albrecht, zunehmend und sorgte dafür, dass die Rechtfertigungslehre Osianders kaum eine langfristige Wirkung entfalten konnte. Er selbst hielt sich für einen treuen Sachwalter der von Luther entfalteten Theologie von der gnädigen, allein auf das Wirken Gottes zurückgehenden Rechtfertigung des Menschen. De facto aber erwies er sich in seiner Position, die die Einwohnung der göttlichen Natur und damit der göttlichen Gerechtigkeit Christi im gläubigen Menschen und dessen daraus resultierende iustitia essentialis betonte, als unter den Reformatoren theologisch eigenständig.
Der Streitverlauf war nicht nur durch die grundlegenden inhaltlichen Gegensätze geprägt, sondern auch durch politische Verwerfungen, gesellschaftliche Spannungen und Animositäten unter Kollegen. Letzteres ist in der Forschung oft besonders betont worden, darf aber angesichts der profunden theologischen Differenzen nicht überbewertet werden. Die in den Streit hineinwirkenden politischen Oppositionen aber waren ausschlaggebend für die im Zuge des Streits vollzogenen Todesstrafen.
Mit insgesamt neun erschienenen Print-Bänden ist die kritische Edition Controversia et Confessio in der regulären Laufzeit des Projekts nun abgeschlossen. Das Langzeitvorhaben der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz hat jene theologischen Streitigkeiten aufgearbeitet, die – in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts – für die Herausbildung der bis heute bestehenden konfessionellen Identitäten in Europa ausschlaggebend waren. Dabei wurden in den ausführlichen historischen Einleitungen und sachlichen Kommentierungen – so weit möglich – auch gesellschaftliche und politische Faktoren mit beleuchtet, denn die theologischen Klärungsprozesse jener Jahrzehnte lassen sich nur im Kontext der gleichzeitigen gesellschaftspolitischen Konstellationen, der akademischen Netzwerkbildungen sowie Prägungen durch Ausbildungswege und persönliche Erfahrungen angemessen einordnen und verstehen. Wenn dies gelungen sein sollte und sich über die editorische Bereitstellung der Quellen in Zukunft weitere Untersuchungsperspektiven ergeben, hat das Vorhaben sein Forschungsziel erreicht. Vorgesehen ist noch die Erstellung eines Ergänzungsbandes mit Gesamtregistern sowie der Abdruck jener Vorträge, die auf der Abschlusstagung des Projekts am 4.–6. Mai 2022 in den Räumen der Mainzer Akademie gehalten wurden. Das Thema der Konferenz Streitkultur, Akteure, Wirkungen. Der lutherische Bekenntnisbildungsprozess in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts brachte verschiedene mögliche Auswertungsperspektiven miteinander ins Gespräch.
Abschließend ist – wie stets – all jenen zu danken, die die Editionsarbeiten befördert und zur Sicherung ihrer hohen Qualität beigetragen haben. Die Wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Jan Martin Lies und Dr. Hans-Otto Schneider haben zusammen mit Hedwig Toth-Schmitz als Wissenschaftlicher Hilfskraft auch in Zeiten der COVID19-Pandemie die Arbeiten in Mainz zuverlässig vorangebracht. Dario Kampkaspar und Silke Kalmer vom Zentrum für digitale Editionen der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt sorgten – und sorgen auch weiterhin – zusammen mit den studentischen Hilfskräften Katharina Gloning und Martin Kupp für eine digitale Bearbeitung der Texte, um die Print-Bände sukzessive mit den Möglichkeiten der Digital Humanities open access verfügbar zu machen. Ihnen allen gebührt hohe Anerkennung und aufrichtiger Dank für ihren gemeinschaftlichen Einsatz im Sinne der Forschungsziele von Controversia et Confessio.
Mainz, im Advent 2022 Irene Dingel